Geopolitische Leitbilder beschreiben in der Politischen Geographie räumliche Konstruktionen des Eigenen und des Fremden, die sich in sprachlichen und kartographischen Einteilungen der Welt, in Bedrohungsszenarien und Verschwörungsmythen sowie in historischen Erzählungen oder Diskussionen um Mobilität und Grenzen widerspiegeln. Geopolitische Leitbilder und Motive finden sich dabei nicht nur in der Kommunikation von Politiker*innen und Think Tanks, sondern auch in unserem Alltag: In alltäglichen Diskussionen, Sportereignissen, Schulbüchern, in Filmen, Comics und Romanen.

Auch das politische Projekt der „Neuen Rechten“ ist ein geopolitisches Projekt. Denn jede rechte politische Bewegung in allen Teilen der Welt erhebt einen (meist exklusiven) Nutzungsanspruch für eine bestimmte geographische Einheit, fordert die Errichtung oder den Schutz von Grenzen und begründet ihre Forderungen mit einer vermeintlich natürlichen Ordnung von Identität und Territorium. Während die NPD dies früher über Slogans wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ zum Ausdruck gebracht hat, sprechen aktuelle rechte Bewegungen Widerstand gegen „den großen Austausch“ oder „Remigration“.

Innerhalb rechter Argumentationen kommt der Geographie dabei eine doppelte Rolle zu: Zum einen ist Raum Gegenstand und Ziel politischer Forderungen – nach Grenzen, Machtausübung, Ein- und Ausschluss etc. Zum anderen werden politische Ansprüche über die Geographie selbst begründet. Denn die extreme Rechte, „neu“ oder „alt“, impliziert, dass räumlich spezifische Bedingungen maßgeblich für Eigenschaften von Menschen sind. Begriffe wie „Volk“, „Kultur“ oder „Rasse“ erhalten so eine geographische Bestimmung. Teilmotive geopolitischer Leitbilder finden sich dabei nicht nur in theoretischen Abhandlungen über Identität und Zugehörigkeit. Sie zeigen sich – mal implizit, mal explizit – in verschiedensten Äußerungen zu Politik, Kunst und Kultur, Sport, Umwelt und Natur(schutz) und anderen Themen.

Digitale Medien sind derzeit der wichtigste Raum für die Verbreitung extrem rechter Weltbilder. Dies liegt auch daran, dass es digitale Medien ermöglichen, mit geringen Kosten und wenig technischem Know-How viele Menschen anzusprechen. Aus diesem Grund war die extreme Rechte schon früh auf vielen digitalen Plattformen – auf Blogs, YouTube, in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook, auf Telegram – aktiv. Die spezifische Funktionsweise digitaler Medien kommt zudem dem Ziel politischer Projekte entgegen, Menschen zu mobilisieren und dafür auf einer emotionalen Ebene anzusprechen. So haben verschiedene Forschungsarbeiten gezeigt, dass in sozialen Medien vor allem solche Beiträge eine hohe Reichweite erzielen, die auch eine affektive Wirkung haben. Für unser Forschungsprojekt folgt daraus, nicht nur inhaltlichen Facetten geopolitischer Leitbilder der extremen Rechten zu beleuchten, sondern auch zu untersuchen, welche Mechanismen darauf gerichtet sind, eine affektive Reaktion bei Betrachtenden anzustoßen.

Grundlage für unsere Arbeit ist eine systematische Datensammlung digitaler Äußerungen auf Blogs, Twitter, Telegram und Youtube. Die Daten führen wir in einer Forschungsdatenbank zusammen und werten sie mithilfe quantitativer und qualitativer Verfahren der Diskurs- und Medienforschung aus. Dabei interessieren wir uns nicht nur für den sprachlichen Teil von Beiträgen, sondern auch für visuelle Darstellungen wie Bilder, Memes und Videos.

Ziel des Projekts ist es, die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Welche geopolitischen Leitbilder und Motive werden im Diskurs der extremen Rechten produziert und wie werden sie auf aktuelle gesellschaftliche Debatten bezogen?
  • Wie werden geopolitische Leitbilder und Motive mit (affektiven) Stimmungen verknüpft? Welche Rolle spielt dabei die Multimodalität digitaler Medien, d.h. die Verknüpfung von Text, Bild und Ton?
  • Welche Beiträge und welche Leitbilder erzielen eine starke Resonanz und eine hohe Reichweite im Raum digitaler Medien?

Entlang dieser Fragen möchten wir nicht nur einen Beitrag zum besseren Verständnis rechter Diskurse leisten, sondern auch theoretische und methodische Impulse für die (geographische) Forschung in und mit digitalen Medien geben. Aufgrund der gesellschaftlichen Relevanz des Themas ist es uns besonders wichtig, den Forschungsprozess so zu gestalten, dass er relevant für Menschen wird, die sich mit der extremen Rechten beschäftigen und sich politisch engagieren – auch jenseits der Wissenschaft. Ein Baustein dazu ist dieser Blog, auf dem wir im weiteren Verlauf regelmäßig über unsere Aktivitäten und Facetten unserer Forschungsarbeit berichten werden. Ein gelegentlicher Blick auf diese Seite lohnt sich also!